Ich fliege zum dritten Mal  in meinem Leben. Vielleicht denkt manch einer, dass das sehr viel ist, andere sind der Ansicht, dass diese Zahl nur von kleiner Bedeutung ist. Gegenüber ihrer Flugerfahrung erscheint meine geradezu lächerlich. Ich denke ehrlich gesagt auch manchmal, dass es Menschen in meinem Alter gibt, die schon viel öfters über den Wolken waren, mehr und weiter gereist sind und manchmal erwische ich mich dabei, wie ich eifersüchtig an die Reiseziele der anderen denke.

Dubai, Karibik, Afrika, Amerika… In einem nächsten Gedankengang komme ich etwas ungerecht vor. Es gibt so viele Menschen, die überhaupt nicht reisen können, ja sogar nicht einmal daran denken. Sie haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, sind an ihre Heimat gebunden, haben mit schlimmen Krankheiten zu kämpften oder dürfen aufgrund von politischen Zwängen nicht aus ihrem Land ausreisen. Mehr als die Hälfte der Menschen hangelt sich von einem zum nächsten Tag und fühlt sich  als  würde sie auf einer wackeligen Brücke zwischen zwei heruntergekommenen Dörfern über einem tiefen Abgrund  stehen und hoffen, dass sie die nächsten  24 Stunden heil übersteht, ohne verhungern zu müssen oder Angst zu haben wegen einer politischen Aussage verfolgt zu werden. Es gibt auch genügend Menschen hier in Deutschland, die kaum reisen können und erst in ihrer Jugend ein anderes Land sehen oder ihren Heimatort auf einen größeren Radius verlassen. Früher war es normal, das man höchstens in den nächsten Nachbarort gewandert ist. An große Reisen war überhaupt nicht zu denken.

Und jetzt sitze ich gerade in einem Flugzeug nach Australien mit Zwischenstopp in Abu Dhabi. Dass ich gleich ankommen werde erscheint mir sehr unwirklich. Soeben hat der Pilot durchgesagt, dass wir bald in Abu Dhabi landen werden und wir unsere Sitze gerade stellen und uns anschnallen sollen. Abu Dhabi- ein Land das extrem weit weg von zu Hause, und ganz anders ist, wie ich es von daheim her kenne. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dort jemals in meinem Leben sein würde, auch wenn ich nur den Flughafen sehen werde. Aber wenn ich den Flughafen verlassen würde, wäre ich in einer anderen Welt. Das ist etwas, dass mich total fasziniert. Man steigt in den Flieger ist stundenlang über den Wolken, kann vielleicht einen kurzen Blick durch das Fenster erhaschen und kommt an einem anderen, fernen Ort der Erde wieder an. Einem Ort mit einer ganz anderen Kultur, anderen Menschen und anderen Sitten. Vor hundert Jahren wäre so etwas unmöglich gewesen. Es war für einen normalen Menschen überhaupt nicht denkbar jemals einen Ort wie Abu Dhabi oder Australien zu bereisen. Reiche Menschen konnten vielleicht mit einer Kutsche in das nächste  Nachbarland fahren, aber den Kontinent verlassen ? Kaum möglich. Mittlerweile kann man schon Lichter aus dem Flugzeugfenster erkennen. Ich sitze leider nicht am Fenster, deswegen muss ich mich über meine Freundin lehnen um ein bisschen was zu sehen. Draußen ist es dunkel, obwohl es für mich nach deutscher Zeitrechnung erst 5 Uhr ist. Hier ist es bereits acht Uhr und mich herum ist es einfach nur schwarz.  Ich stelle mir vor, wie die Menschen in der Altstadt von Abu Dhabi gerade durch geschäftige Gassen und Straßen laufen, vielleicht Waren auf einem Markt anpreisen und chaotischer Verkehr auf den Straßen herrscht. Irgendwie finde ich es total unwirklich hier zu sein. Einerseits scheint die Welt so groß und unerreichbar, aber auf der anderen Seite muss man sich nur in einen Flieger setzen und ist sofort am anderen Ende der Welt. So wie Australien. 16.000 Kilometer entfernt von daheim. Ich sitze schon seit fast sechs Stunden im Flieger und habe immer noch 14 vor mir, bis ich endlich dort bin. Ehrlich gesagt habe ich schon ein bisschen Bammel vor dem langen Sitzen und der geringen Beinfreiheit bei dem nächsten Flug.  Aber das wird schon nicht so schlimm werden.

8 Stunden später:

Mittlerweile bin ich im Flugzeug nach Melbourne. Bisher finde ich den Flug gar nicht so schlimm, wie ich ihn mir Stunden zuvor ausgemalt habe. Ich habe genügend Fußraum, um meine Beine auszustrecken und kann meinen Sitz ohne Rücksicht auf andere nach hinten klappen, da ich ganz an Ende des Flugzeugs sitze. Meinen Platz habe ich zwischen einer Polin und einem netten, schon etwas älteren Australier. Nach einiger Zeit komme ich mit den beiden irgendwie ins Gespräch. Die Polin kann kein Englisch, weswegen sie während dem Flug und auf dem  Flughafen sehr überfordert mit der fremden Sprache ist. Aber ich bewundere, dass sie diese Ungewissheit in Kauf nimmt und den Mut hat so einen langen Flug und die Fremde auf sich zu nehmen, um ihre Tochter in Sydney zu besuchen. Der ältere Herr kommt aus Adelaide und besucht seinen jüngsten Sohn der gerade einen Ausbildung zum Pilot macht. Ich bin auf den Weg, um bei einem Schüleraustausch teilzunehmen und um von Melbourne nach Sydney  zu reisen. Ich freue mich gerade, dass ich mit meinen beiden Sitznachbarn so leicht ins Gespräch gekommen bin. Es ist wirklich interessant neue Leute kennenzulernen. Außerdem sieht man mal wieder, das es überall auf der Welt verstreut nette Menschen gibt, mit denen man sich ganz normal unterhalten kann. Die Zeitverschiebung hat mich gerade im Griff. Ich bin verwirrt, denn draußen ist es taghell, obwohl es auf meiner Handyuhr gerade 2 Uhr in der Nacht anzeigt. Wenn ich aus dem Fenster schaue kann ich das Outback sehen. Unter mir nur endlose Weite und rote Erde. Genauso wie es mir gerade mit Abu Dhabi ergangen ist, kann ich mir nicht vorstellen, kann nicht realisieren, dass ich gerade über Australien bzw. dem Outback schwebe. Letztes oder vorletztes Jahr haben wir das Thema Australien in der Schule behandelt. Ich weiß noch, dass wir über den Rabbit Proof Fence gesprochen haben, einen Zaun der von den Engländern durch ganz Australien gebaut wurde, um der plagenartigen Ausbreitung von Hasen ein Ende zu setzen. Natürlich ging dieser Zaun auch durch das Outback-  über den Streifen Land über den ich momentan fliege.  Irgendwo läuft vielleicht gerade ein einsamer Mensch auf der roten Erde herum und ist von der Hitze und dem langen Marsch am Ende seiner Kräfte. Im Kopf habe ich den Film „Spuren“, den ich mir soeben im Flugzeug angesehen habe. Er handelt von einer jungen Frau die sich aufmacht, um mit drei Kamelen Australien zu durchqueren. Es ist wirklich komisch über Länder zu fliegen, die einem eigentlich so weit entfernt und bisher unerreichbar schienen. In ca. 7 Stunden werde ich in Melbourne landen. Dann ist das Outback schon Kilometer weit entfernt von mir, dafür werde ich aber in einer fremden Familie wohnen und neue Leute kennenlernen.

Ich denke, dass das Reisen einer diese Punkte ist, bei denen man sich manchmal wieder daran erinnern sollte, dass das ein  Privileg ist, dass vielen Menschen aus meinem Umkreis zusteht, dem Großteil der Leuten jedoch nicht annähernd gegeben ist. Man sollte hin und wieder einfach daran denken und dankbar dafür sein, dass man andere Menschen, Kulturen und Länder kennenlernen kann und es nicht einfach als normal hinnehmen, obwohl wir es durch unsere Gesellschaft als normal ansehen.

ANMERKUNG: Mittlerweile bin ich schon wieder in Deutschland und hatte eine wunderbare Zeit in Australien. Ich werde aber meine Texte erst jetzt veröffentlichen, weil mir während des Aufenthalts in meiner Gastfamilie und auch in der nachfolgenden Reise von Melbourne nach Sydney einfach die nötige „Ruhe“, Zeit und leider auch das WLAN zum Bloggen gefehlt hat.

Hier seht ihr ein paar Eindrücke aus Australien. In diesem ersten Post zeige ich euch das Meer, weil es irgendwie ganz gut zu meinem obigen Text passt, da man es aus dem Flugzeug ja auch sehen kann. Der Sand soll das Outback, von dem ich so fasziniert war, symbolisieren.  Es werden noch weitere Posts folgen, in denen ich euch Schritt für Schritt die weiteren Eindrücke meiner Australienreise zeigen werde.

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